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Traumpassage (Initiation)

Hoch oben am nachtschwarzen Himmel steht der Mond Korwas im vollem Glanz und beleuchtet mit seinem blutroten Licht den Wald Eriba. Die Schatten der Baumkronen zeichnen gruselige Gebilde und Gestalten auf dem Waldboden, die sich durch den Wind unaufhörlich auflösen und wieder aufs neue aufbauen. Seyboj schwebt über dem Wald seiner Vorfahren, seine Fußsohlen berühren die Spitzen der großen Nadelholzbäume, die sich wie Wachtürme aus dem Meer aus Mischwald erheben.

Unter ihm ist eine Lichtung aus weißem Sand zu sehen. In der Mitte stecken brennende Fackeln im Erdreich und bilden einen Kreis mit einem Durchmesser von zwei Metern. In der vom Fackelschein beleuchteten Szenerie, jagen Fledermäuse nach Insekten.

Bedächtig und leise nähert sich eine Prozession von vermummten Gestalten der Lichtung. Vorne an der Spitze schreitet Seybojs jüngeres Ich mit seinen drei Freunden voran.

Dort angekommen, stellen sich die vier im Kreis auf, während sich jeder Mann aus der Gruppe eine der dort aufgestellten Fackeln nimmt. Dann beginnen diese damit, sich langsam um die vier herum zu bewegen. Die Fackeln schwingen sie dabei langsam im Rythmus des Tanzes, derweil stimmen die Frauen einen Gesang an.

Es ist die Lichtung, wo die Jugendlichen von Seybojs Clan ihr Initiationsritual durchführen, um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden.

Monefri, Orgon Boldesch und sein jüngeres Ich verharren ohne Bewegung im Mittelpunkt, das Spiel der Fackeln spiegelt sich in ihren Augen. Langsam aber sicher erhöht sich die Geschwindigkeit der Menge, Tanz und Gesang nehmen an Tempo zu. Still und stumm betrachtet das Quartett das Gewusel von Menschen um sie herum.

Plötzlich steigt das Tempo schlagartig, der Tanz erreicht seinen Höhepunkt. Die Männer lassen die Fackeln schwertergleich durch die Luft wirbeln. Der gesamte Ort ist vom Gesang der sausenden Fackeln und dem Chor der Frauen erfüllt, die mittlerweile schon fast zu schreien scheinen.

Seyboj jüngeres Ich sieht seine Freunde an und nickt ihnen zu: Jetzt!

Sie wirbeln im gleichen Moment herum, in dem die Männer die Fackeln in die Luft werfen und mit ihrem tiefen Bass in das Geschrei der Frauen einstimmen. Als die Fackeln schließlich von den Frauen aufgefangen werden, sind die vier verschwunden.

Ein Mann tritt hervor, zu der Mitte gewandt spricht er: »Das habt ihr gut gemacht, ihr habt die Prüfung bestanden. Werdet ihr eurem Clan auf ewig dienen und ihn beschützen und euer Blut und Leben für ihn opfern?«

An der Stelle wo die vier zuvor standen staubt das Erdreich auf und plötzlich stehen sie wieder für alle sichtbar da. Sie ziehen ihre Waffen, kreuzen sie gen Himmel und brüllen: »Beim Lichte Korwas, ja!«

Der Mann, der der Patriarch des Clans ist, breitet seine Arme aus und ruft: »Dann seid ihr ab heute wahre Wesen des Halbschattens und dürft euch zu den Waschbären des blutroten Mondes zählen. Reihet euch ein.« Und mit diesen Worten macht er sich davon, während sich die vier in die Menschenmenge einreihen, um ihren Patriarchen zu folgen.

Als sie die Lichtung verlassen haben, wacht lediglich noch das blasse Licht Korwas über dem Wald.

Etwas unter Seyboj rumpelt, dann beginnt der nächste Traum.


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Autor: Tobias Mahs