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Die reale Pfütze

Die Signale des Geistes kommen aus anderen Dimensionen in diese chaotische materielle Welt. Das Gehirn empfängt sie und benutzt unsere fleischlichen Körper wie Puppen, um Ordnung aufzubauen, die dann wieder vergeht.

Unbekannter Anhänger der heimschen Theorie, ca. 2032 n. Chr.

Scheinbar schwerelos schwebte Gene im Nanotank und bewegte seine Hände. Seine realen Hände. Er reckte und streckte sich in der Enge so gut es ging. Es fühlte sich anders an als damals, als er noch ein normaler Mensch gewesen war. Die Andersartigkeit lag nicht daran, dass er bei jeder Bewegung den Widerstand der Nanoflüssigkeit spürte, nein, es lag an der fehlenden Wohltat. Da die Nanomaschinen in seinem Körper immer für ihn sorgten, fühlte sich alles immer gleich gut an. Er hätte sich hundert Jahre lang nicht bewegen oder strecken brauchen und wäre trotzdem noch einsatzbereit und würde sich frisch fühlen.

Zäher als Luft, nahm er bewusst wahr, wie die Nanoflüssigkeit beim Atmen in seine Lungen drang. Ungefähr so müsste sich ein Lebewesen zum Beginn seines Lebens in der mütterlichen Fruchtblase fühlen.

Durch seine echten Augen blickte er auf eine optische Darstellung zwischen seinen Händen, welche die Explosionsdarstellung einer neuartigen Maschinenpistole zeigte. Die Jahre zuvor hatte er an einem Scharfschützengewehr gearbeitet, Schienenkanonen-Technologie. Es war gerade fertig geworden und war zu seiner Rechten an der Innenwand seiner Lebensblase befestigt.

Der ganze Nanotank war als Rettungskapsel bzw. Invasionsmodul erdacht. Wenn die taktische Situation es erforderte, konnten die einzelnen Tanks selbstständig auf einem Planeten landen, die Insassen würden sich ihren Rucksack umschnallen, den Einsatzhelm mit Maske aufsetzen, das Gewehr nehmen und einfach aussteigen. Das Nanoliquid würde automatisch von ihren Körpern abgleiten und im Tank verbleiben. Sollte der Planet selber keine Atmosphäre besitzen, würde das Liquid in den Atemorganen verbleiben und versorgte diese mit Sauerstoff, ohne das schmerzhafte Gefühl einen zum Platzen gefüllten Luftballon zwischen den Rippen zu besitzen. So die Theorie, aber abgesehen von ein paar Laborversuchen und geheimen Aufenthalten auf der Rückseite des Mondes hatte die ganze Ausrüstung noch keinem echten Härtetest standhalten müssen. Doch der stand ja kurz bevor.

Bis dahin beschäftigte er sich mit der Maschinenpistole. Er hatte mit einigen aus der Truppe geredet und wusste von den Wünschen. Eine leichte Waffe sollte es sein, die dazu noch Granaten verschießen sollte. Er hatte auch schon einen weiteren Einsatzzweck ausgemalt, war sich dessen aber noch nicht sicher.

Die Idee war ihm bei einem der unzähligen virtuellen Gefechtssimulationen gekommen, bei denen er mit seinen zwei Maschinenpistolen bewaffnet gewesen war. Er hatte dabei das Bedürfnis verspürt sich diese direkt an seine Unterarme montieren zu können. Auf diese Weise könnte er seiner Rolle des Scharfschützen nachgehen und hätte gleichzeitig seine Seitenwaffen stets einsatzbereit, ohne sie erst ziehen zu müssen. Er könnte mit seinen freien Hände sogar zwei zusätzliche Waffe benutzen, so dass er mit vier Maschinenpistolen kämpfen könnte.

Doch zunächst musste er mit der Theorie fertig werden, um dann ein paar Prototypen herstellen zu lassen. Das stellte kein Problem dar, denn die mobilen Fabriken waren mit an Bord des Raumschiffs. Vielleicht könnten die ersten einsatzfähigen Exemplare vor der Landung auf dem Mars fertig sein. Verschießen sollten sie dieselbe Munition, wie die restlichen Sturmgewehre. Dabei handelte es sich um eine nanotechnische Flüssigkeit, die per Schlauch der Waffe zugeführt wurde. Für die Zwischenlagerung im Magazin der Waffe verwandelte sie sich in einen festen quaderförmigen und im Lauf der Waffe in einen zylindrischen Körper.

Nach Abschuss transformierte sich das Geschoss dann in eine aerodynamische Nadel, die bei vorhandener Atmosphäre, bei elektrischen oder magnetischen Feldern die Zielführung übernehmen und millimetergenau einschlagen konnte.

Es war Nanotechnologie, so wie die Waffe, der Tank, die Nanomaschinen in seinem Körper und die restliche Ausrüstung der Armee es war. Vor einem halben Jahrhundert war die Nanotechnologie nach einem Unfall auf der Erde geächtet worden, seitdem gab es sie nicht mehr. So blieb die damals geheime Armee auch weiterhin geheim und hatte sich sozusagen im Keller von New Angels’ Hope versteckt.

Offiziell waren es gefühllose Roboter, die jetzt auf dem Weg zum Mars waren. Moderne Maschinen, die Nachkommen der Maschinen die damals die große Arbeitslosigkeit produziert hatten. Es hatte nicht mehr genug Erwerbsarbeit für alle Menschen gegeben und würde sie auch nie wieder geben. So musste sich die Gesellschaft reformieren und Sachen wie Währung, Grundeinkommen und Bodenrecht mussten neu erdacht werden. Menschen vernetzten sich zu neuen sich selbst verwaltenden Gemeinschaften zusammen, wodurch die althergebrachten Nationalstaaten fast ausnahmslos zerfielen. Es bildeten sich neue Organisationen des Zusammenlebens, je nach Region ein wenig anders aber gerechter als vorher und zusammengehalten von der mächtigen Netzwerksphäre, der Weitererntwicklung des Internets.

Plötzlich wurde Gene jäh aus seinen Gedanken gerissen, als Jemand auf die Außenhaut seines Nano-Tanks zu hämmern schien. Erstaunt schloss er seine Konstruktion und öffnete die Luke des Nanotanks. Während er seinen Kopf durch die Membran der Nanoflüssigkeit hinaus streckte, glitt die Flüssigkeit aus seinem Gesicht und floss durch seinen Mund heraus, bis die Lungen wieder leer waren. Befreit von der Flüssigkeit atmete er die Atmosphäre des Raumschiffs ein, als er bereits eine ihm wohl vertraute Melodie vernahm:

Twinkle, twinkle, little star

How I wonder what you are

Mittels seines erweiterten Gehörs machte er die Quelle über sich aus. Er drehte den Kopf zur Seite, um nach oben schielen zu können. Da erblickte er auch schon das schäferhundgroße spinnenähnliche Wesen, welches auf seinem Nano-Tank hockte.

»Twinkle« rief er erfreut und ein strahlendes Lächeln flog kurz über sein Gesicht.

Das Wesen namens Twinkle schien sich sichtlich zu freuen, da es abwechselnd seine zwei linken und dann seine zwei rechten mechanischen Vorderfüße anhob. Dabei gab es ein rasselndes Geräusch ab, welches seine Art von freudigem Lachen darstellte.

Bei Twinkle handelte es sich aber nicht einfach um einen Roboter mit künstlicher Intelligenz. Twinkle besaß ein künstliches Gehirn, ein sogenanntes synthetisches Cerebrum, welches mit den höheren Dimensionen des von Burkhard Heim beschriebenen Hyperraums in Verbindung stand. Twinkle war also eigentlich eine Lebensform wie jede andere auf dem Planeten Erde, nur mit einem Körper aus Menschenhand.

Seit mehreren Jahrzehnten wandelten diese Wesen - die sich selber als SynCs bezeichneten - nun schon innerhalb der Menschheit. Manche hatten die Form eines optisch erkennbaren Roboters gewählt, andere wiederum liefen in täuschend echter Menschengestalt herum. Sie hatten Beziehungen sowohl untereinander als auch zu anderen Lebensformen.

Gene hatte sich damals bei seinem ersten Treffen mit einem solchen SynC sehr unbehaglich gefühlt. Losgelöst von dem Umstand, dass er Twinkle mochte, fühlte er sich auch nach all den Jahrzehnten immer noch unwohl in der Magengegend. Sein Unterbewusstsein wollte ihm damit etwas mitteilen, allerdings wehrte er sich gegen diese Erkenntnis, indem er nicht darüber nachdachte.

»Das ist aber noch nicht alles.« sagte eine ihm wohlbekannte Stimme aus dem Nichts und schob die Zotteln ihres thermo-optischen-Tarnanzugs beiseite. Kurz vor Genes Gesicht entblößte sich ein ihm bekanntes Gesicht.

»Was macht Du denn hier?« sagte er perplex zu seiner neuen Vorgesetzten.

»Ach, irgendjemand hat technische Probleme und meinte, dass er ohne uns nicht mehr leben könne. Und nebenbei können wir Dich dann auch gleich mitnehmen« sagte Judith schnippisch und zuckte dabei grinsend mit den Schultern ohne den Blickkontakt mit ihm zu unterbrechen.

Sie schaute tiefer in seine Augen und schickte ihm abhörsicher per EsoKom die Botschaft: »Lass Dir nichts anmerken. Perry hat uns geholt. Er hat den Auftrag Dich zu töten.«

»Oh, das ist aber schön!« rief Gene geistesgegenwärtig in der realen Welt und konnte es nicht fassen.

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Autor: Tobias Mahs