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Fluchtversuch

»Gene!« ertönte es hinter ihm im Chor. Unbeirrt davon eilte Gene Marone schnellen Schrittes voran.

»Geeene!« Judiths hastiges Rufen ergab zusammen mit Twinkles piepsendem synthetischen Sprachorgan eine nervige Mischung.

»Jetzt warte doch mal!« das hektische Trappeln hinter ihm schien stetig näher zu rücken, obwohl er sich Mühe gab, rasch durch den langen Zentralgang der Henry David Thoreau zu schlüpfen. Dabei kam es ihm zu gute, dass es sich um ein völlig neuartiges Schiff handelte. Es besaß einen Feldantrieb, welcher mit Gravitation arbeitete. Die Insassen bekamen im Inneren weder Richtungs- noch Beschleunigungsänderungen mit und als Nebeneffekt wurde zusätzlich ein stabiles künstliches Schwerkraftfeld erzeugt, welches dem irdischen Anziehungskräften glich. Die bisher üblichen Schiffe mit Fusionsantrieb waren gezwungen, während der Reise durchgehend mit einem G zu beschleunigen bzw. auf der Hälfte der Reise mit einem G zu verzögern, um den Insassen eine Anziehungskraft vorzugaukeln. Jegliche Änderung dabei machte sich sofort in schwebenden bzw. herumgeschleuderten Personal und Equipment bemerkbar. Längere Zeiträume der Schwerelosigkeit mussten dadurch überbrückt werden, dass die Wohnräume oder gleich das ganze Schiff in Rotation versetzt wurde, um durch die auftretenden Zentrifugalkräfte den Schein eines Schwerefeldes zu imitieren. Doch nicht so bei der Henry David Thoreau, Gene war sich überhaupt nicht sicher, ob das Schiff noch im Raum schwebte oder schon wieder Fahrt in Richtung Mars aufgenommen hatte.

Doch ihn beschäftigte momentan etwas völlig anderes, was er einfach nicht begreifen oder wahrhaben wollte. Judiths Offenbarung über eine tausend Jahre alte Kooperative wollte ihn nicht loslassen. Als er dieser Organisation damals beigetreten war, war ihm zwar bewusst gewesen Mitglied einer mächtigen Break Away Zivilisation zu werden, aber er hätte nicht im Traum daran gedacht, dass sie bereits so lange ihr Unwesen getrieben hatte. Stattdessen hatte er immer angenommen, irgendein verrückter Wissenschaftler hätte die entscheidende Nanotechnologie irgendwann in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts entdeckt und dann geheim gehalten. Wie sollte aber irgendein Mensch vor einem Jahrtausend oder noch früher so eine Hochtechnologie gefunden haben? Das Ganze war so unwahrscheinlich wie Gentherapie im Mittelalter.

Er wollte daher jetzt momentan nur eines, seinen neuen Nanotank aufsuchen und sich darin verkriechen. Den Standort hatte er sich schon unterwegs im Shuttle heruntergeladen und folgte nun zielstrebig den visuellen Zeichen in seinem Sichtfeld. Die Entwicklung der Augmented Reality war schon eine super Sache, mit ihrer Hilfe konnte man jederzeit echte und virtuelle Realität nach Belieben miteinander kombinieren und mit anderen teilen. Momentan wollte er diese anderen aber lieber loswerden. Zum Glück begegnete er keinem anderen Crew-Mitglied des Schiffes, da die bestimmt auch alle in ihren Tanks lagen, die links und rechts den Gang säumten. 100 Passagiere passten so auf dieses Schiff.

Stille...lediglich hinter ihm war etwas los, dort lärmten eine Frau und ein SyC und beide wollten, dass er lieber jetzt statt gleich stehenblieb, als er plötzlich diese Totenstille bemerkte. Hatten Judith und Twinkle die Verfolgung aufgegeben? Skeptisch blieb er stehen und drehte sich um, als er die beiden im fahlen Schein der Notbeleuchtung einige Meter hinter sich erblickte. Sie hatten angehalten und schienen nun Löcher in die Luft zu starren. Verblüfft schaute er sich das Spielchen an bis Judith plötzlich wieder zu Leben erweckte und schnellen Schrittes auf ihn zu rannte.

»Das darf doch nicht wahr sein!« sagte sie entsetzt und riss an Genes Seesack, der seine Habseligkeiten enthielt.

»He«, erwiderte er energisch und zog den Riemen seines Scharfschützengewehres fester, welches er über die andere Schulter trug, »Was soll das?«

»Keine Zeit«, antwortete sie ungeduldig, »Lass das sperrige Ding hier, Twinkle kann es zu deinem Nanotank bringen, wir müssen jetzt woanders hin.«

Sie zwang ihn den Seesack auf den Boden fallen zu lassen und ergriff dann seinen rechten Ärmel, während sie voraus ging.

»Was ist denn los, verdammt?«, knurrte er und leistete Widerstand, indem er sich nicht bewegen wollte, »Ist es wieder eine deiner Spinnereien?«

Sie drehte sich und schaute ihm in die Augen, während sie eine Schnute zog und ihm per ESOKOM eine Nachrichtensendung zu kommen ließ.

»Hier, gerade frisch per HPU von der Erde eingetroffen.« sagte sie schnippisch.

»Soeben haben die führenden Stadtstaaten der Erde die Gründung eines terrestrischen Geheimdienstes verkündet. Die auf den Namen STS getaufte Organisation soll der wachsenden Zahl von auf der Erde und dem Mond verübten Terrorakten Einhalt gebieten. « verkündete der Newsfeed.

Verdutzt schaute er bei diesen Worten verdutzt drein: »Was? Gründung? Aber der STS existiert doch schon so lange.«

»Ja, aber jetzt existiert er offiziell, die Bevölkerung weiß jetzt von ihm und seinen Privilegien.«

»Und was für Anschläge meinen die?«

»Seit den letzten 24 Stunden ist auf der Erde die Hölle los. Es gab mindestens 30 Anschläge auf einmal und das nur auf der Erde. Auf dem Mond ist ein Teil von Lunar City ohne Stromversorgung und wird gerade evakuiert, um schlimmeren Unfällen vorzubeugen und die verbliebenen Ressourcen zu schonen. Und keine 24 Stunden später gründen sie STS. Was für ein riesiger Zufall. Die Erde öffnet der Gestapo sämtliche Türen und Tore. Und das ist leider nicht das schlimmste.«

Gene spielte den zweiten Teil des Newsfeeds ab.

»Des weiteren wurde beschlossen, den öffentlichen Quellcode für die Netzwerksphäre in die Hände des gerade entstehenden Geheimdienstes und der weltweit anerkannten Space Corporation zu legen, so dass diese einen proprietären Code entwickeln mögen, der es der bisher unbekannten Macht unmöglich machen soll, den Netzwerken der Menschheit zu schaden.«

Gene stockte, »Sie geben die Kontrolle an Space Corp.?«

»Aye.« knurrte Judith und stampfte wütend auf dem Boden auf.

Die Space Corporation war eine Tarnfirma, die es der Kooperative seit Jahrzehnten ermöglichte in der freien Menschenwelt ihr Unwesen zu treiben. Den Vernetzungen dieser Vereinigung war es wohl auch letztendlich zu verdanken, dass die anderen freien Stadtstaaten der Gründung eines Geheimdienstes und der Übergabe der Macht der Netzwerksphäre zustimmten.

Plötzlich war ein schnelles Stacksen zu hören, welches schnell näher kam. Es handelte sich um einen AnT, der zielstrebig auf seinen sechs mechanischen Beine auf den Seesack zuging und diesen dann mit seinen zwei Greifarmen auf seinen künstlichen Ameisenkörper hievte. Dann stackste er unbeeindruckt von dannen, ohne dass es aussah, als wenn ein Bewusstsein in ihm tätig wäre. Der Name AnT stand in diesem Fall für die Abkürzung von Autonomer Transport, passte aber auch zu dem Aussehen, welches einer riesigen Ameise glich.

Twinkle piepste von unten: »Ja glaubt ihr, ich schleppe das schwere Ding eigenhändig zum Nanotank? Wozu habe ich denn meine fünf Ants? Verdammte Schwerkraftgeneratoren.« Dabei tippte es sich mit einem seiner vorderen Greifarme an den Kopf.

Judith wirkte während des Geschehens furchtbar ungeduldig, so wie sie ihr Gewicht in schnellen Schüben von dem einen Bein auf das andere verlagerte.

»Genug getrödelt, wir müssen jetzt weiter«, mit diesen Worten zerrte sie wiedereinmal an Genes Ärmel, den sie die ganze Zeit nicht losgelassen zu haben schien.

»Wo willst du denn hin?«

»Zum Kapitän.«

»Wozu das denn?« Gene schien dem Plan nicht gewogen zu sein.

»Von ihm kamen diese Nachrichten, ich muss wissen was los ist und ich will es vor Ort von ihm hören und nicht in so einem verkackten digitalen Meeting.«

Gene seufzte, er sehnte sich nach der Zurückgezogenheit im Nanotank, so wie die vergangenen Jahrzehnte.

»Was ist jetzt?« Judith stampfte erneut auf dem Boden auf.

»Also gut, dann geh vor« sagte er einlenkend und fühlte sich dabei kein Stück nicht unter Druck gesetzt.

»Na also, warum denn nicht gleich so?« lächelte Judith und zerrte am Ärmel.

Ein kurzer Blick zu Twinkle offenbarte, dass es die menschliche Geste nachahmte, bei der man die Augen verdrehte und dann den Kopf schüttelte, bevor es die beiden tapsenderweise begleitete.


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Autor: Tobias Mahs