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Traumpassage (Fest)

Das Dorf ist erfüllt von Festivitäten und Jubel. Wo der Blick auch hinfällt, erblickt er tanzende und lachende Menschen. Alle scheinen sich darüber zu freuen, dass sie heute vier Mitglieder in ihre Reihen aufnehmen können, die sich als vollwertig herausgestellt haben.

Lediglich Seyboj sitzt an einen Baum gelehnt am Rande und brütet vor sich hin.

Da taucht plötzlich der Patriarch auf. »Mein Sohn, du solltest eigentlich bei deinen Freunden sein und deine bestandene Initiation in unsere Reihen feiern. Stattdessen verkriechst du dich unter einem Baum und scheinst dich zu verstecken«

»Ich muss nachdenken?«

»Zum Nachdenken bleibt noch genug Zeit. Begib dich lieber zu deinen Freunden.«

»Genug Zeit? Wann? In einer Woche werde ich dazu gezwungen mit Orgon, Monefri und Boldesch den Clan zu verlassen und in die weite Welt zu ziehen.« sagt Seyboj begleiten von einem spöttischen Unterton.

»Jeder von unserem Stamm musste einmal gehen. Alle die älter sind als du und hier sind mussten das tun.«

Seyboj brummt. »Wozu sollen wir denn gehen? Ich sehe immer noch keinen Sinn darin.« sagt er stoisch.

Sein Vater atmet tief ein als wenn er zu einer Rede ansetzen will, wird aber durch seinen Sohn unterbrochen: »Jaja, ich weiss. Jedes Wesen des Halbschattens hat nach seiner Initiation die Pflicht mit seinen Altersgenossen in die Welt zu gehen, um sich den einzigen zu ihm passenden Lebensgefährten zu suchen, um mit ihm zum Clan zurückzukehren. Und so weiter…«

»Und? Ich sehe du hast es verstanden. Wo ist also das Problem?«

»Was ist wenn er es nicht will?«

»Er hat es zu wollen, es ist seine Pflicht.« die Worte des Patriarchen klingen wie eine Predigt.

Seyboj steht auf und blickt seinem Vater trotzig in die Augen: »Pflicht! Ist das alles was dir einfällt? Was ist wenn man noch nicht bereit dazu ist?«

»Du bist also noch nicht dazu bereit.«

Seyboj sieht auf den Boden und murmelt: »Ich weiss es nicht.«

Sein Vater packt ihn bei den Schulter. »Du hast es aber zu wissen! Und Du hast es auch zu wollen! Verdammt!«

Seyboj versucht sich loszureissen aber es klappt nicht.

Eindringlich spricht sein Vormund auf ihn ein: »Sohn, von dir und deinen Freunden und von euren Nachkommen hängt alles ab! Unser Schöpfer hat uns damals nicht geschaffen, nur damit du es jetzt zerstörst.«

»Aber...«

»Nichts aber, wenn ihr jetzt nicht geht und dafür sorgt, dass unsere Blutlinie fortbesteht, war alles umsonst.« Er lässt seinen Sohn los. »Als ihr vier euch heute unsichtbar gemacht habt, musste sogar Meister Sovor sich anstrengen, um euch zu sehen!«

»Ist das wahr?« fragt Seyboj verduzt, und nach einer kurzen Pause »Und du? Was hast du gesehen?«

Sein Vater schaut auf einmal beschämt drein. »Um ehrlich zu sein, habe ich gar nichts gesehen. Bei meiner Rede...«

»Du meinst, bei deinem traditionellem Ritual.«

»Bei meiner Rede habe ich eigentlich nur mit der Erde unter euren Füssen gesprochen. Euch konnte ich nicht sehen« setzt der Patriarch nach.

»Wirklich? Und Meister Sovor musste sich anstrengen? Ist das wirklich wahr?« die Verzückung ist Seyboj schon von Weitem anzusehen.

»Natürlich ist das wahr, verdammt. Bei jeder Generation, die die Prüfung besteht, wächst das Talent sich in den Halbschatten zurückzuziehen. Und deine Nachkommen werden noch besser sein. Deswegen musst du dich aufmachen und«

»Aber...«

»Nichts aber! Alle deine Vorfahren haben es getan und Du wirst es auch tun. Deine Freunde werden Dir dabei beistehen, so wie Du auch ihnen beistehen wirst!«

»Aber...«

»Aber, Aber. Was aber? Warum siehst du es denn nicht ein?« sein Vater wirkt mehr und mehr ungehalten.

»Aber...« Seyboj nahm sich zusammen und begann dann : »Monefri und Orgon haben sich schon längst gefunden. Warum kommen sie auch mit? Widerspricht das nicht der Regel?«

»Auch wenn Monefri und Orgon sich gefunden haben und ein Paar sind, müssen sie trotzdem gehen. Erstens, weil es die Tradition erfodert,«

Seyboj stöhnt »Die Tradition...«

»Halt den Mund und lass mich ausreden. Ja die Tradition erfordert es. Aber glaubst du denn, dass Tradition immer nur etwas Veraltetes und Nutzloses ist? Jedes Mitglied muss diese Reise machen, denn diese Reise erfüllt den Geist mit Erfahrungen und macht das Wesen stärker. Wenn Monefri und Orgon hier bleiben würden, dann würden die beiden über kurz oder lang verweichlichen und das letzte was wir brauchen sind schwache Krieger.«

»Aber Orgon ist ein Magier«

»Ja und?«

»Was ist, wenn er die Reise nicht überlebt, er ist das einzige magisch begabte Wesen, das unser Stamm in den letzen drei Generationen hervor gebracht hat. Wenn Meister Sovor einmal stirbt, werden wir keinen Nachfolger für ihn haben, es sei denn Orgon bleibt am Leben.«

»Wenn Orgon die Reise nicht überleben sollte und Sovor sterben sollte, bevor wir einen Ersatz für ihn hätten, dann könnten wir immer noch die Hilfe eines anderen Clans erbeten. Die anderen Clans haben genug Magier in ihren Reihen. Die Waschbären des Sonnenuntergangs haben alleine dieses Jahr zwei neue Magier hervorgebracht.«

»Und du meinst sie geben uns einen ab?« Seyboj schaut skeptisch drein bei seinen Worten.

»Es wäre nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass ein solcher Austausch zustande käme. Die Stämme von Karpatella sind stark, aber wir müssen zusammenhalten. Wir sind ein Volk auch wenn wir unterschiedliche Clans bilden, sind wir insgesamt eine Volk. Wir müssen es sein, um unsere Heimat zu verteidigen.«

»Aber wäre es nicht trotzdem besser Orgon hier zu behalten?«

»Du machst dir Sorgen um ihm?«

»Ja, er ist ein nicht besonders guter Kämpfer und…«

»Ist das alles?«

»Er ist mein Freund, aber er könnte uns in Schwierigkeiten bringen, wenn es hart auf hart käme.«

Der Patriarch schaut auf einmal erschüttert drein. »Was glaubst du eigentlich, warum wir euch vier seid Kindesbeinen an nicht einmal getrennt haben? Weshalb wir euch zusammen als Einheit haben aufwachsen lassen? Wieso ihr zusammen unterrichtet worden seid und zusammen kämpfen gelernt habt? Ihr vier seid perfekt aufeinander eingeschworen. Der eine braucht nur an etwas denken und der andere tut dies, ohne dass ihr es bewusst steuert.«

»Aber ein Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.«

»Die Kette? Wie kannst du nur euch vier als Kette bezeichnen. Ihr vier hängt doch nicht hintereinander wie Perlen an einer Schnur! Ihr bildet eine Einheit wie…« er überlegt kurz »...wie ein paar Zweige.« daraufhin bückt er sich und sammelt ein paar Zweige zusammen.

Skeptisch registriert Seyboj wie sein Vater ihm einen daumendicken Ast reicht. »Hier , das bist du alleine, zerbrech ihn.«

Seyboj nimmt den Ast in beide Hände, der unter der Kraft seiner Arme zerbricht.

»Gut. das ist Orgon alleine.« er reicht ihm einen dünneren Ast. »Ich nehme an, das du ihm auch ohne Mühe in zwei Teil brechen kannst. Hmm?« brummt sein Vater mit einer hochgezogenen Augenbraue.

»Aber sicher.« antwortet Seyboj spöttisch und setzt zu seinem Zerstörungswerk an.

»Nein. Warte.« sein Vater reicht ihm drei weitere daumendicke Äste »Das bist du zusammen mit Boldesch und Monefri. Versuche sie alle drei zusammen mit Orgon zu brechen« er grinste verschmitzt

Seyboj nimmt die vier Äste zusammen in seine beiden Hände und strafft seine Muskulatur. Die Äste beugen sich, aber wollen und wollen nicht bersten. Erschöpft gibt er auf.

Sein Vater lacht daraufhin und spricht dann amüsiert »Genauso wie diese drei Äste ihren schwächeren Artgenossen stärken, stärken Boldesch, Monefri und auch Du euren Freund Orgon. Du siehst, zusammen seid ihr stark, aber nur wenn ihr aufeinander aufpasst. Verstehst du das?«

»Aber wären wir ohne Orgon trotzdem nicht besser dran?«

»Hmm, versuch es doch. Entferne den schwachen Ast und versuche die drei zu biegen.«

Seyboj folgt den Anweisungen seines Vater und nach einer großen Kraftanstrengung seinerseits splittert das Holz. Verlegen sieht er seinen Vater an.

»Siehst du es jetzt endlich ein? Orgon stellt eine der entscheidenden Kräfte in eurem Bündnis dar. Genauso wie Boldesch, Monefri und du leistet auch er seinen Beitrag.« sein Vater nimmt den dünnen Ast und zerknüllt ihn mit seinen starken muskulösen Händen und wift die Überreste auf den Boden. »Er kann ohne euch nicht überleben. Genausowenig wie ihr es nicht ohne ihn schaffen würdet.« er deutet auf die drei zersplitterten Äste, die sein Sohn immer noch in Händen hält »Verstehst du es jetzt?«

Seyboj steht bewegungslos da und brummt. »Vielleicht.«

»Dann ist dies das Letzte, was ich dir beibringen konnte. Du bist bereit für die Welt dort draußen.« er nimmt seinen Sohn sanft bei der rechten Schulter, um ihn ins Festzelt zu schleifen.

Über ihnen im Baum raschelt es. Ein Zweig beugt sich nach unten und an diesem hängt ein Waschbär, der die beiden abschätzend ansieht.

Der Patriarch lacht »Sieh mein Sohn, da ist der fünfte in deinem Bunde.«

Seyboj reisst die Augen auf »Du meinst ich kann Safran mitnehmen?«

»Wieso nicht? Oder wiederspricht das irgendeiner Tradition?«

»Nein, ich habe nur noch nicht daran gedacht« er streckt die Arme aus. »Komm her du Pelztier.« Safran der Waschbär klettert behände an Seybojs Armen entlang und lässt sich auf dessen rechter Schulter nieder. Zusammen mit dem Weggefährten aus seiner Kindheit auf den Schultern -- der sich an seinem Haar festkrallt -- verlässt er seinen Vater und läuft in Richtung Festzelt, wo seine anderen Weggefährten schon ungeduldig auf ihn warten.

Der Patriarch schaute bedächtig hinter seinem Schützling her. Er ist bereit dachte er, unsere Hoffnung auf die Zukunft ist endlich bereit.

Ein flackerndes zieht vorbei und leitet den letzten Traum ein.


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Autor: Tobias Mahs