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Sie haben Euch beide betrogen

Es ist alles nur eine beschissene Illusion. Die Gesellschaft funktioniert, weil ihre Mitglieder daran glauben. Früher glaubten sie an den Stamm, heute glauben sie an bunt bedruckte Scheine bzw. an Einsen und Nullen auf einem digitalen Bankkonto. Sie leben jeden Tag im selben Trott, der aus Arbeit, Essen, Scheißen und Schlafen besteht. Manche glauben, dass ihre Tätigkeiten von Bedeutung seien, doch die meisten haben innerlich bereits abgeschaltet. Lebenden Zombies gleich wanken sie durch ihr bedeutungsloses Leben und sie alle ignorieren die Wahrheit über eine Matrix in der sie wie Vieh verwaltet werden. Statt gelben Marken in den Ohren führen sie Ausweise mit sich und realisieren dabei nicht, dass diese Plastikkarten nur ihre juristischen Personen ausweisen. Solange sich der Großteil der kollektiven Lüge hingibt, funktioniert das Gefängnis der eingebildeten Freiheit. Frohlocket über das, was die Massenmedien sagen, es MUSS einfach die Wahrheit sein.

Unbekannter Autor 2021

Schneeflocken. Viele dicke Schneeflocken. Schneeflocken, die dicht aneinander vom Himmel fielen und dabei die Umgebung des laufenden Programms in Stille tauchten. Verschwunden war das nervige Vogelgezwitscher, welches ihr erst jetzt durch dessen konsequente Abwesenheit auffiel. Stattdessen schien ein leichter Wind zu wehen.

Judith hatte sich an der selben Stelle eingeloggt, an der sie sich zuvor ausgeloggt hatte.

13:59:31 Sonam -: wieso schneit das plötzlich?

13:59:38 Nepomuk -: Weil es Winter ist.

13:59:44 Sonam -: kann doch nicht sein, das war doch eben noch sommer...

13:59:55 Nepomuk -: Als Du gegangen bist, war noch kurz Herbst.

13:59:59 Sonam -: ach was *grummelt*

14:00:19 Nepomuk -: Die Tage vergehen hier schneller. Es ist jetzt kurz nach Mitternacht und der erste Wintertag hat begonnen. Sobald es im Spiel Winter ist, fängt es sofort an zu schneien.

14:00:29 Sonam -: so ein blödsinn, es ist gerade mal 14 Uhr und ich war keine viertel stunde weg...

14:00:42 Nepomuk -: Das ist die reale Uhrzeit, aber im Spiel vergeht alle drei Realstunden ein voller Spieletag. So vergehen an einem realen Tag im Spiel acht Tage. Kurz bevor du gegangen bist, war im Spiel bereits kurz vor Mitternacht. Die Zeit im Spiel wird Dir nur nicht angezeigt, weil es im Mittelalter noch keine Uhren gegeben hat.

»Dämliches Spiel.« zischte Judith leise in ihrem Nanotank, den sie nach dem Gespräch mit Gene wieder aufgesucht hatte, um sich erneut ins Spiel einzuloggen. Sie war sauer. Sie mochte es nicht, wenn sie einfach so stehengelassen wurde. Sie hasste so etwas sogar sehr. Nachdem Gene einfach die Luke geschlossen und sich kurzerhand von der Außenwelt isoliert hatte, war sie kurz in Versuchung gewesen ihn aus seinem Versteck herauszuzerren. Stattdessen hatte sie aber einfach ein paar Augenblicke laut geknurrt, ehe ihr der Gedanken kam, wieder in das Spiel zurückzukehren. Nun war sie im Spiel und wusste nicht weiter. Ihr Ärger machte sich in einer Rastlosigkeit bemerkbar. Sie sprang mit ihrem Charakter auf die Steinmäuerchen und wieder herunter, dann sprang sie in die Kräuterbeete, um auf diesen herum zu hüpfen. Sie hoffte auf diese Weise einen bemerkbaren Schaden anzurichten, allerdings störte das alles die digitalen Kräuter nicht. Pflückbereit standen sie im Beet, trotz desSchneefalls, trotz des Hüpfens. Judith hätte gerne mehrmals dagegen getreten, allerdings sah das Spiele keine Tretmechanik vor. Genervt trat sie mehrmals mit ihrem echten rechten Fuß gegen die Innenseite ihres Nanotanks.

14:02:27 Nepomuk -: Was machst Du denn da schon wieder für einen Unsinn.

Anscheinend hatte Gene sie in den letzten Minuten beobachtet. Sie schaute kurz um sich, konnte ihn aber nirgendwo erblicken.

14:02:35 Sonam -: wo bist du??

14:02:40 Nepomuk -: Über Dir.

Sie hob ihr Köpfchen und sah ihn über sich schweben. Dann kam er ein Stück heruntergeflogen und sprang zum Schluss auf eine freie Stelle neben ihr.

14:02:35 Sonam -: man kann hier auch fliegen?

Verwirrt wartete sie auf seine Antwort. Seine Flugaktion überraschte sie dabei weniger, natürlich konnte man in diesen digitalen Welten alles tun, ohne sich dabei um Naturgesetze zu scheren. Vielmehr verwunderte es sie, weil Gene sonst immer auf Realismus im Spiel bestand. Ungeduldig wartete sie auf seine Antwort.

14:02:46 Nepomuk -: Man kann als GM fliegen.

14:02:46 Sonam-: jetzt bin ich verdammt noch mal noch verwirrter...

14:03:01 Nepomuk -: *seufzt* GM ist die Abkürzung von Game Master. Das ist so etwas wie ein Admin.

14:03:01 Sonam -: aha

Sie merkte wie sie gähnen musste, so langweilte sie das alles hier plötzlich. So fing sie wieder an zu hüpfen.

Gene schien das nicht zu stören. Sein Charakter stand unbewegt auf derselben Stelle und wirkte unbeeindruckt. So fing sie damit an in einem sehr engen Kreis um ihn herum zu laufen.

14:04:51 Nepomuk -: Was ist denn los?

14:04:59 Sonam -: mir ist langweilig :P

14:05:05 Nepomuk -: Mir nicht.

14:05:08 Sonam -: was machste denn grad?

14:05:15 Nepomuk -: Das sage ich nicht. Du weißt eh schon mehr als mir lieb ist.

Abrupt blieb Judith stehen und starrte ihn an.

14:05:19 Sonam -: was soll das denn heißen?

14:05:25 Nepomuk -: Das soll heißen, dass niemand wissen darf, was ich Dir gesagt habe, als Du vor meinem Tank standest.

Verwirrt kniff sie ihre Augen zusammen.

14:05:35 Nepomuk -: Niemand darf davon wissen, hörst Du. Das ist mein Ernst.

14:05:41 Sonam -: ich werd niemanden etwas sagen, ich schwöre!

Sie stellte sich grad vor, wie Gene in seinem Nanotank beruhigt ausatmete.

Sich gerade überlegend was sie als nächstes schreiben könnte, erschien eine Textnachricht auf ihrem virtuellen Sichtfeld.

Komm schnell auf die Brücke. Sokolow

14:06:13 Sonam -: ich muss zur Brücke

14:06:16 Nepomuk -: Ich auch...

Überrascht zog sie eine Augenbraue hoch, während sie sich aus dem Spiel ausloggte und aus dem Nanotank stieg.

Dann lehnte sie sich mit vor der Brust verschränkten Armen gegen ihren Nanotank und wartete auf Gene, der langsam auf sie zukam.

Sobald er nahe genug für eine sichere EsoKom war, übermittelte sie ihm: »Trotzdem hat deine Mutter uns das so mitgeteilt, dass sie den Nano Unfall ausgelöst hat, unter der Bedingung dass du die Unsterblichkeit erhältst.«

»Sie haben euch beide betrogen.« grummelte sie im Realen.

Gene nickte nur finstern.


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Autor: Tobias Mahs